1QIsaa nach der Übersetzung von Bardtke

Hans Bardtke hat eine Übersetzung der großen Jesaja-Rolle aus Qumran von 52,13 bis 54,4 in seinem Buch „Die Handschriftenfunde am Toten Meer“, 2. Auflage Berlin 1953, Einschub nach S.120, angeboten. Diese Übersetzung füge ich hier ein, zugesetzt habe ich eine Einteilung in Verse und unwesentlich die Orthografie angepasst, ansonsten ist es die Übersetzung von Bardtke; die Markierungen im Text, um auf abweichende Lesarten im Text von Qumran gegenüber dem masoretischen Text (=üblicher hebräischer Text) hinzuweisen, stammen von mir. Meine eigene Übersetzung mit den Varianten aus 1QIsaa enthält 1QIsaa-eigÜbersetzung. 1QIsab ist so ähnlich den mittelalterlichen Texten, dass eine Übersetzung der noch übrigen Fragmente nach dieser Rolle kaum einen Unterschied bewirken würde. Auf 1QIsab wird die Eigenart beider Rolle verglichen, eine Charakterisierung der großen Rolle für Jesaja 53 erfolgt im Anschluss an die Übersetzung von Bardtke:

52,13: Siehe. Erfolg haben wird mein Knecht und überlegen und (dieses „und" von Bardtke vergessen) hoch und sehr erhaben sein.

52,14: Gleichwie sich entsetzt haben über dich viele, also habe ich gesalbt seine Gestalt mehr als (irgend) einen Menschen und sein Wesen mehr als die Menschenkinder.

52,15: Daher wird er viele Nationen besprengen, um seinetwillen werden Könige ihren Mund schließen, denn das, was ihnen nicht erzählt worden ist, haben sie gesehen, und was sie nicht gehört haben, nahmen sie wahr.

53,1: Wer hat geglaubt der uns gewordenen Kunde, und der Arm Jahwes, über wem ist er aufgedeckt worden?

53,2: Und er wuchs auf wie ein Wurzelstock vor ihm und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte weder Gestalt noch Pracht, und wir sahen ihn, aber es war keine Gestalt, dass wir seiner begehrt hätten.

53,3: Verachtet und verlassen von Menschen und ein Mann der Schmerzen und mit Krankheit vertraut, und wie einer, vor dem man das Antlitz verhüllt, so (Übersetzung statt „und") behandelten wir ihn geringschätzig und rechneten ihn nicht.

53,4: Fürwahr, unsere Krankheiten, er hat sie getragen, und unsere Schmerzen, er hat sie aufgeladen, wir aber haben ihn gehalten für einen von Gott Getroffenen und Geschlagenen und Geplagten.

53,5: Er aber war durchbohrt um unserer Sünden willen und zerschlagen um unserer Missetaten willen, und die Züchtigung, (die) zu unserem Heil (dienen sollte), lag auf ihm, und durch seine Striemen ist uns Heilung zuteil geworden.

53,6: Wir alle sind wie eine Herde in die Irre gelaufen, auf den eigenen Weg hatten wir uns gewandt, aber Jahwe ließ auf ihn unser aller Sünde treffen.

53,7: Geschunden wurde er, aber er, er blieb demütig und nicht tat er seinen Mund auf wie ein Lamm, das zur Schlachtung geführt wird, wie ein Mutterschaf, das vor seinen Scherern verstummt, und hat nicht aufgetan seinen Mund.

53,8: Aus Drangsal und Gericht ist er genommen worden, wer aber wird seinen Lebenslauf bedenken, denn er ist entfernt worden aus dem Lande der Lebendigen, um der Sünde seines Volkes willen ist er zu Tode (ein Thaw ergänzt nach der Septuaginta) getroffen worden,

53,9 und man hat bei Ruchlosen sein Grab bereitet und bei (einem) Reichen, als er getötet wurde, trotzdem er Gewalttat nicht getan hatte und Täuschung nicht in seinem Munde war.

53,10: Jahwe aber hatte Gefallen, ihn zu zerschlagen, und da durchbohrte er ihn.
Wenn seine Seele ein Schuldopfer erlegt, so wird er Samen sehen und (Lebens)tage langmachen, und das, was Jahwe wohlgefällt, wird durch seine Hand gelingen.

53,11: Nach der Mühsal seiner Seele wird er Licht sehen und sich sättigen, und durch seine Erkenntnis wird Gerechtigkeit verschaffen als Gerechter mein Knecht den Vielen, und ihre Sünden wird er, ja er tragen.

53,12: Darum will ich ihm Teil geben unter den Vielen, und mit Mächtigen wird er Beute teilen dafür, dass er zum Tod seine Seele vergossen hat und unter die Übeltäter gerechnet worden ist, er aber, ja er hatte die Sünden Vieler getragen und war eingetreten (fürbittend) für ihre Missetaten (statt „die Missetäter").

 

Bereits an diesem kleinen Textstück lassen sich einige Eigenarten der großen Jesaja Rolle nachweisen: Vokalbuchstaben finden sich im Vergleich zum heute gebrauchten hebräischen Text an ungefähr 40 weiteren Stellen. Darauf gehe ich nicht weiter ein, weil das in einer Übersetzung nicht auffällt, sondern es ist nur eine Frage der Aussprache. Das „Waw-Copulativum“ (=ein verbindendes „und“) ist zusätzlich an sieben Stellen eingefügt, einmal allerdings auch weggelassen in Vers 7 („wie ein Mutterschaf“, während der übliche hebräische Text „und wie ein Mutterschaf“ zu übersetzen wäre). Inhaltlich ist das aber völlig unwichtig; ein inhaltlich anderer Sinn kann sich in Vers 11 ergeben: „und durch seine Erkenntnis“ schließt die Übersetzung aus, das sich der Knecht „an Erkenntnis sättigt“. Die „Erkenntnis“ kann also nicht mehr zum vorderen Teilsatz gehören, wie es manchmal verstanden wird. Ähnlich wie die Rolle interpretiere ich in meiner eigenen Übersetzung den Text, denn ich beginne einen neuen Satz: „Durch seine Erkenntnis …“. Das Althebräisch kannte ja keinen Punkt und Großschreibung. Am Anfang von Vers 11 ist sowohl in der kleinen wie in der großen Jesaja Rolle „Licht“ als Objekt zu „sehen“ belegt. Auch aus Höhle 4 ist der Rest einer Handschrift gefunden worden, die diese Lesung hat. Das kann also durchaus die ursprüngliche Lesart sein. Ansonsten ist die Zahl der textkritisch relevanten Lesarten gering. In Vers 8 übersetzt Bardtke „seines Volkes“; das wäre eine wichtige Variante zu „meines Volkes“, aber das kann auch ein Lesefehler von Bardtke sein. Dazu verweise ich auch auf meine Ausführungen in „4QIsa“. Es verbleibt in 52,14 „ich habe gesalbt“, womit wirklich eine Variante vorliegt. Der gewöhnliche hebräische Text liest das Wort „entstellt“, was aber als „schwierigere Lesart“ mit höherer Wahrscheinlichkeit ursprünglich ist. In 53,10 „und da durchbohrte er ihn” ersetzt das grammatisch schwierige „er machte krank“; vielleicht sollte auf diese Weise nur eine Textschwierigkeit beseitigt werden. In 53,10 übersetze ich „Wahrhaftig, er stellte sein Leben …“ und berufe mich auf diese große Jesaja Rolle, aber es ist ja mehr eine Verständnisfrage als eine wirkliche Variante; den Konsonantenbestand greife ich schließlich nicht an. In 53,12 „ihre Missetaten“ ersetzt „die Missetäter“; bei meiner Übersetzung ist das: „ihre Treuebrüche“ ersetzt „die Treuebrecher“. Es gibt keinen Grund, die Lesung der Rolle aus Qumran zu bevorzugen, da sie sehr eigenwillig ist und ihre Textvorlage eigenmächtig ändert.

Link zu meiner eigenen Übersetzung der Rolle aus Qumran.

Link zurück zur Startseite „QumranIsaiah“.