Zu meiner Übersetzung die entsprechenden Anmerkungen:

Einige wesentliche Anmerkungen zum übersetzten Text folgen nun. Die Septuaginta haben Jesaja 53 keiner Person zuordnen können, aber eine Übersetzung versucht, die für die Zeitgenossen zu verstehen war. Das Kreuz Jesu gehörte noch in die Zukunft. Ganz eindeutig aber sehen sie eine Einzelperson im Gottesknecht. Sie haben keine Kollektivdeutung (Knecht= idealisiertes Israel) versucht, die bei den Juden im Mittelalter aufkam. Aber die Verständnisprobleme sind nicht zu übersehen.

Wie sehr die Septuaginta die „Bibel des Paulus“ war, aber nicht die Biblia Hebraica, lässt sich leicht daran erkennen, dass in Römer 15,21 ein Zitat aus Jesaja 52,15 nach dem Wortlaut der LXX vorliegt. Durch Vermittlung der LXX wurde über die Vorkommen in der Apostelgeschichte der „Knecht“ zu einem besonderen Würdenamen Jesu, denn das griechische „Pais“ bedeutet nicht nur Knecht, sondern auch Kind. Die LXX war die wichtigste Version der Bibel am Anfang der Christenheit. Sie hat für die Entwicklung der Urkirche eine noch größere Bedeutung als die Lutherbibel im Mittelalter für deutsche Christen.

Gelegentlich wird auch das anstößige „besprengen“ in 52,15 beseitigt, wobei die Übersetzung der LXX „über ihn staunen“ als Ersatz dient; aber das ist gerade das Gegenteil von einem gesunden textkritischen Verhalten: es ist ohne Probleme nachvollziehbar, dass auch die LXX dieses Wort aus dem Opferkult beseitigen wollten, aber gerade dadurch ist es als „schwierige Lesart“ geschützt. Die Lesart der LXX ist völlig wertlos!

In der recht bekannten Stelle Römer 10,16 baut Paulus seine Argumentation auf einer eigenen Fehldeutung der Septuaginta auf oder er übernimmt schon deren falsche Einschätzung. Er zitiert Jesaja 53,1 nach der LXX (Herr, wer glaubt unserm Predigen?). Doch das hebräische Wort bezeichnet kein Predigen zu anderen Personen, sondern eine im Prophetenlager gehörte Mitteilung. Das Wort der LXX ist zweideutig und könnte auch die gehörte Mitteilung bezeichnen. Paulus aber versteht es mit Sicherheit als „Predigen“, wie sich aus seiner Argumentation erschließen lässt. Ich weiß, dass diese Stelle sehr oft als Argument herangezogen wird, dass Menschen den Gottesdienst besuchen, weil sie dann eine Predigt hören und ihr Glaube aufgebaut wird. Paulus war ein Mensch, der somit auch Fehler macht. Er hat viel erfahren von Gott und seine Briefe spiegeln auch diese Erfahrung wider. Aber er hat nicht die Vollkommenheit Gottes und erst die Vermengung von Wahrheit und eigenen Vorstellungen machen die Bibel zum „Wort Gottes“. Es ist nicht das Problem der Bibel, sondern einer falschen Vorstellung! Im Ergebnis ist die Argumentation des Paulus sogar richtig, auch wenn sie eine Stelle falsch versteht. Eine geistliche Predigt baut nämlich den Glauben auf.

Vers 4 wurde von der LXX  in der Aussage abgeschwächt. Matthäus 8,17 hat nicht die Septuaginta zitiert, sondern einen anderen griechischen Text, der dem hebräischen Original näher steht und eine klarere Aussage hat. 1. Petrus 2,24 hat sich stärker an die LXX angelehnt, aber es kommt zu keiner Entstellung vom Sinn des hebräischen Textes.

Dass die LXX keine Deutung des Textes wie das Christentum vertritt, lässt sich deutlich an 53,9 erkennen. Nach christlicher Lesart steht hier an 2 Stellen eine Präposition („bei“). Die LXX übersetzen die gleichlautende „Nota accusativi“, wodurch nicht der Knecht das Grab bekommt, sondern die Übeltäter. Das wurde später die jüdische Lesart.

   

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