Jesaja 53,1-3

1545-53,1 Aber wer gleubt vnser Predigt? vnd wem wird der Arm des HERRN offenbaret?

 

1964-(1)Aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und wem ist der Arm des HERRN offenbart?

 

53,1. Wer glaubte der Nachricht an uns, und vor wem wurde der Arm JHWHs offenbart.

 

Die Revision von 1964 („verkündet wurde“) ist meiner Übersetzung sehr ähnlich, denn die Nachricht kommt aus der gleichen Richtung, denn es wird etwas entgegengenommen, das gehört wird. Die „Predigt“ (1545) geht in die andere Richtung; es wir etwas hörbar gemacht, denn die Verkündigung geschieht an andere Personen. Im ersten Augenblick habe ich Partei für Luther (1545) ergriffen, denn an den beiden Stellen, wo 53,1 im NT zitiert wird (Joh. 12,38; Röm. 10,16) ist „Predigt“ die angemessene Übersetzung für das griechische Wort. Doch beide Stellen zitieren eindeutig die LXX, wie man an der übernommenen Einleitung „Herr“, die im hebräischen Text fehlt, erkennen kann. Daher habe ich mir die Mühe gemacht, alle 27 Vorkommen des hebräischen Wortes zu überprüfen. Das hat mir die Augen geöffnet, dass Luther 1545 falsch übersetzt hat, auch wenn er sich an das NT angelehnt hat. Das Wort im hebräischen AT findet sich da, wo eine Nachricht gehört wird.

 

 

1545-53,2 Denn er scheusst auff fur Jm / wie ein Reiss / vnd wie eine Wurtzel aus durrem Erdreich / Er hat keine gestalt noch schöne / Wir sahen jn / Aber da war keine Gestalt die vns gefallen hette.

 

1964-(2)Er schoss auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte.

 

53,2. Es ist vor ihm etwas aufgestiegen wie ein Säugling und wie ein Wurzelspross aus vertrockneter Erde. Keine prächtige Erscheinung hatte er, keine Hoheit, dass wir nach ihm geschaut hätten, kein strahlendes Aussehen, dass wir an ihm Gefallen gefunden hätten.

 

Reis ist messianisch „belegt“. Luther übersetzt in Jesaja 11,1 und 10 auf diese Weise ein hebräisches Wort. Doch er übersetzt zwei verschiedene Worte mit dem deutschen Wort „Reis“. Das Wort aus 11,1 ist in Jesaja 53 nicht belegt. Jesaja 11,10 „Reis aus der Wurzel Isais“ ist korrekt übersetzt „die Wurzel Isais“; ein Wort für „Reis“ ist hier überhaupt nicht erkennbar. Nur diese „Wurzel Isais“ aus 11,10 findet sich auch in 53,2 in der „Wurzel aus dürrem Erdreich“ wieder. Mehr Gemeinsamkeiten gibt es nicht. Die „Wurzel“ hat Luther wohl inspiriert, in 53,2 „Säugling“ durch „Reis“ zu ersetzen. Den Augen des Lesers ist „Säugling“ fremd; deshalb muss es nicht falsch sein.

 

1545-53,3 Er war der aller verachtest / vnd vnwerdest / voller schmertzen vnd kranckheit / Er war so veracht / das man das angesicht fur jm verbarg / Darumb haben wir jn nichts geacht.

 

1964-(3)Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet.

 

53,3. Ein Verachteter, der im Begriff steht, die Menschheit zu verlassen, ein Mann mit Schmerzen, bekannt gemacht mit Krankheit, bei dem es scheint, dass JHWH sein Angesicht vor ihm verbirgt. Ein Verachteter, der nicht in unserer Planung war.

 

 

„Er war der Allerverachtetste und Unwerteste“ ist eine sehr malerische Übersetzung, die aber reine Interpretation ist. Das alte Hebräisch konnte nämlich überhaupt keinen „Superlativ“ ausdrücken; es verwendet stattdessen eine Partikel, die einen Vergleich mit etwas anzeigt („Verachtet“ im Vergleich zu …; „unwert“ im Vergleich zu …); auch der „Komparativ“ („verachteter/unwerter“) wird so umschrieben, ohne dass Superlativ und Komparativ unterscheidbar sind. An unserer Stelle findet sich noch nicht einmal diese Vergleichspartikel! Ich habe Skrupel, den Text mehr aussagen zu lassen, als dasteht. Allerdings hätte ich mehr in Richtung Luthers übersetzen können: „Ein Verachteter, der von Menschen verlassen ist …“. Aber dass diese beiden Übersetzungsmöglichkeiten gegeben sind, habe ich in den Anmerkungen erwähnt.

 

Die Übersetzung Luthers gibt eindeutig zu verstehen, dass es Menschen sind, die ihr Angesicht verstecken. Dass ich das für eine falsche Einschätzung erachte, ist schon in meinen „Anmerkungen“ nachzulesen.

An Jes.53 Unterschiede gezeigt“.

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