Wurzelspross oder Säugling - eine Vision?

Einen „Säugling“ findet man nicht in den Übersetzungen, sondern einen „Schössling“, „Trieb“ oder ähnliches. Das hebräische Wort wird aber an allen anderen 10 Vorkommen mit „Säugling“ übersetzt. Deshalb habe ich es auch hier so belassen. Es ist eine maskuline Wortform, die nur in ihrer femininen Form „Trieb,Schoss“ bedeutet, das aber wiederum an allen 6 Belegen. Genauso sorgfältig, wie die Unterscheidung in der Ursprache ist, sollte auch eine Übersetzung vorgehen. Der gemeinsame Nenner zwischen „Wurzelspross aus vertrockneter Erde“ und „Säugling“ ist die erbärmliche Hilflosigkeit. Ein Fehler, der unbewusst gemacht wird: die „Wurzel Jesse“(Jes. 11,1) wird mit dem „Wurzelspross aus vertrockneter Erde“ gleich gesetzt. Doch die „Wurzel“ aus 11,1 bringt Frucht, was in vertrocknete Erde – ohne Wasser – gerade nicht möglich ist. Dazu wird ebenso unbewusst der „Spross“ als Messiasname (Sach. 3,8; 6,12; Ps. 132,17; Jeremia 23,5; 33,15) von Menschen, die mit der Bibel vertraut sind, assoziiert. Doch es ist eben nicht der Lebensweg eines erfolgreichen Messias, der aufgezeigt wird, sondern nach meinem Dafürhalten eine erschreckende Vision vom Kreuz, die jemand hatte. Es ist genau das, was nach Vers 1 niemand glauben wollte. Zu beachten ist auch, dass kein „Wurzelspross“ oder ein „Säugling“ gesehen wurde, sondern etwas „wie“ eine solche Erscheinung. Es ist ein Vergleich, der etwas beschreiben soll, was kaum glaubhaft ist.

Wer ist „er“, vor dem etwas aufsteigt? Es könnte Gott gemeint sein, aber woher weiß man, was er geschaut hat? Gott wird etwas Neues schaffen, aber nicht auf eine Sache reagieren, die er nicht selbst in’s Leben gerufen hat. Nachdem ich lange über diesen Vers nachgedacht habe, möchte ich einen anderen Weg vorschlagen. Ich stelle mir vor, dass jemand aus dieser Wir-Gruppe, die in den Versen 1-6 auftritt, eine besondere Vision hatte. Es wird angedeutet in dem Aufsteigen des Knechtes vor dieser Person. Das hebräische Wort, das hier gebraucht wird, wird leider sehr häufig verwendet. Dennoch wage ich, einen Vergleich vorzuschlagen mit 1. Sam. 28, wo die Hexe von Endor den Totengeist des Samuel dem König Saul heraufholt. Hier findet sich in den Versen 11 und 13 für heraufholen bzw. heraufsteigen lassen dasselbe Wort wie in Jes. 53, 2. 1.Sam. 28, 11-14: (11) Da sprach die Frau: Wen soll ich dir denn heraufholen? Er sprach: Hol mir Samuel herauf! (12) Als nun die Frau merkte, dass es um Samuel ging, schrie sie laut und sprach zu Saul: Warum hast du mich betrogen? Du bist Saul. (13) Und der König sprach zu ihr: Fürchte dich nicht! Was siehst du? Die Frau sprach zu Saul: Ich sehe einen Geist heraufsteigen aus der Erde. (14) Er sprach: Wie ist er gestaltet? Sie sprach: Es kommt ein alter Mann herauf und ist bekleidet mit einem Priesterrock. Da erkannte Saul, dass es Samuel war, und neigte sich mit seinem Antlitz zur Erde und fiel nieder. Der einzige Sinn dieses Vergleiches ist, für Jes. 53, 2 das Beschreiben einer Vision wahrscheinlicher zu machen, weil das Wort somit auch ein „heraufsteigen“ in einer Vision ausdrücken könnte.

 

Etwas wie ein Säugling
Etwas wie ein Säugling