Anmerkungen zu Jesaja 53, 1-5

53,1. Wer glaubte der Nachricht an uns, und vor wem wurde der Arm JHWHs offenbart.
Dieser Vers wird an 2 Stellen im NT zitiert:
Joh. 12,38: (37) Und obwohl er solche Zeichen vor ihren Augen tat, glaubten sie doch nicht an ihn, (38) damit erfüllt werde der Spruch des Propheten Jesaja, den er sagte (Jesaja 53,1): »Herr, wer glaubt unserm Predigen? Und wem ist der Arm des Herrn offenbart?« Röm. 10,16: Aber nicht alle sind dem Evangelium gehorsam. Denn Jesaja spricht (Jesaja 53,1): »Herr, wer glaubt unserm Predigen?« An beiden Stellen wird ein Wort mit „Predigen“ übersetzt, wo das Reden in eine andere Richtung geht als im hebräischen AT. Meine Übersetzung ist an der hebräischen Konkordanz überprüft worden. An allen Stellen, wo dieses Wort verwendet wird, wird eine Nachricht gehört, nie weitergegeben. Die beiden Stellen im NT zitieren exakt die LXX, die sogar die zusätzliche Einleitung „Herr“ enthält, der im hebr. Text fehlt. Es ist mir nicht einsichtig, der LXX zu folgen, nur weil sie im NT zitiert wird.
53,2. Es ist vor ihm etwas aufgestiegen wie ein Säugling und wie ein Wurzelspross aus vertrockneter Erde. Keine prächtige Erscheinung hatte er, keine Hoheit, dass wir nach ihm geschaut hätten, kein strahlendes Aussehen, dass wir an ihm Gefallen gefunden hätten.

Einen „Säugling“ findet man gewöhnlich nicht in den Übersetzungen, sondern einen „Schössling“ oder „Trieb“. Das passt den Übersetzern eher zu dem „Wurzelspross“. Auf der Unterseite habe ich die Wahl des Wortes begründet und dargelegt, warum ich hier das Beschreiben einer Vision annehme.

53,3. Ein Verachteter, der im Begriff steht, die Menschheit zu verlassen, ein Mann mit Schmerzen, bekannt gemacht mit Krankheit, bei dem es scheint, dass JHWH sein Angesicht vor ihm verbirgt. Ein Verachteter, der nicht in unserer Planung war.
Menschheit habe ich für Menschen eingesetzt, denn dieser moderne Kollektivbegriff erschien mir unseren Vorstellungen angemessen. Es ist aber möglich, den ganzen Teilsatz anders zu übersetzen: Ein Verachteter und verlassen von den Menschen … Es ist keine von beiden Möglichkeiten so wahrscheinlich, dass sie mich voll überzeugt hat.
Man suggeriert dem Leser gewöhnlich durch die Übersetzung, dass es Menschen sind, die ihr Angesicht vor dem scheußlichen Anblick des Gekreuzigten verstecken. Warum wird das aber im Urtext mit einer Vergleichspartikel eingeleitet? Wenn Menschen das Angesicht vor dem Gekreuzigten verstecken wollen, welchen Sinn hat ein „wie“? Menschen verstecken ihr Gesicht real. Man will ja nichts vortäuschen, weil man den Anblick insgeheim doch schön findet. Es hätte auch nicht viel bewirkt, wenn Menschen gemeint hätten, der menschlichen Ästhetik sei der Anblick nicht zumutbar. Man hätte ohnehin nicht die Kreuzigung ungeschehen machen können. Wenn man in der hebräischen Konkordanz „das Angesicht verstecken“ überprüft, stellt man fest, dass es fast ausnahmslos Gott ist, der sein Angesicht versteckt. Die Auswirkungen sind aber im wahrsten Sinne des Wortes katastrophal. Beter in den Psalmen betteln danach, dass Gott sie wieder anschaut. Um meine Ausführungen anschaulich zu machen, möchte ich 5. Mose 31, 17 und 18 zitieren: (Sie werden) den Bund brechen, den ich mit ihm geschlossen habe. (17) Da wird mein Zorn entbrennen über sie zur selben Zeit, und ich werde sie verlassen und mein Antlitz vor ihnen verbergen, sodass sie völlig verzehrt werden. Und wenn sie dann viel Unglück und Angst treffen wird, werden sie sagen: Hat mich nicht dies Übel alles getroffen, weil mein Gott nicht mit mir ist? (18) Ich aber werde mein Antlitz verborgen halten zu der Zeit um all des Bösen willen, das sie getan haben, weil sie sich zu andern Göttern wandten. Es ist letztlich uninteressant, ob Menschen einen Anblick schön finden. Das schmeichelt vielleicht der Eitelkeit des Betrachteten, aber es hat keine Auswirkungen. Doch wenn Gott seinen Blick abwendet, ist der Segen weg. Es bleibt nur Unglück in allen Lebenslagen. Deshalb „scheint“ es bei dem Knecht auch nur so, als habe Gott sein Angesicht von ihm abgewendet. Wörtlich heißt es: wie das Verbergen des Angesichts vor ihm (dem Knecht). Ich habe mich frei gefühlt, JHWH einzufügen, obwohl der Text keine Aussage macht. Aber es ist unbedingt zu vermeiden, dass ein Wegschauen durch Menschen verstanden wird.
53,4. Jedoch unsere Krankheiten hat gerade er hoch getragen, und für unsere Schmerzen war er der Träger. Wir aber meinten, er sei geschlagen, von Gott getroffen und gebeugt worden.
Bei der Übersetzung habe ich etwas gezögert, denn mit einem „hoch tragen“ ist eine christliche Wertung verbunden. Es wäre auch ein „weg tragen“ richtig gewesen, aber auch hier hätte ich eine Wertung treffen müssen, die nicht „richtiger“ ist. Man hätte es auch beim bloßen „tragen“ belassen können, wobei aber dann eine übertragene Bedeutung im Sinne von „aushalten“ verstanden werden könnte. Ein solcher Sinn gehört aber erst zum späteren Wortinhalt. Auch beim nächsten Verbum, das bei Luther durch „sich aufladen“ übertragen wird, habe ich es mir schwer gemacht. Die Lutherübersetzung klingt, wie wenn der Knecht sich Schmerzen aufgeladen hätte, die er dann mit sich herumschleppt. Aber er ist nur für kurze Zeit der Träger. Wenn die Last abgeladen ist, ist der Knecht frei. Das wollte ich ausdrücken, aber gleichzeitig war in den Satz zu packen „er hat sie getragen“ (sie= die Schmerzen). Daher habe ich „unsere“ zu den „Schmerzen“ hinzugefügt. Der zweite Versteil ist in der Lutherübersetzung treffend wiedergegeben: „Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre“. Fast ein wenig gereizt hat mich die Übernahme von „martern“, aber ich habe mich doch entschlossen, die nüchterne Wörterbuchbedeutung „beugen“ zu wählen, denn die Wortbedeutung wird damit klarer erfasst. Vers 4 und 5 sind für Heilung die wichtigsten Verse.
53,5. Gerade er ist durchbohrt worden, weil wir die Treue gebrochen haben, zerschlagen worden, weil wir verkehrt gehandelt haben.
Die Strafe hat er, damit wir bei allem genug haben. Wir wurden geheilt, weil er die Wunden bekam.
„Durchbohrt worden“ erinnert sofort an die Nägel, wobei das natürlich die christliche Wertung voraussetzt. Hinzustellen möchte ich Sach. 11,9-11, wo man darüber nachdenken kann, wer sich hinter dem „ich“ in Vers 10 verbirgt: (9)Und zu der Zeit werde ich darauf bedacht sein, alle Heiden zu vertilgen, die gegen Jerusalem gezogen sind. (10) Aber über das Haus David und über die Bürger Jerusalems will ich ausgießen den Geist der Gnade und des Gebets. Und sie werden mich ansehen, den sie durchbohrt haben, und sie werden um ihn klagen, wie man klagt um ein einziges Kind, und werden sich um ihn betrüben, wie man sich betrübt um den Erstgeborenen. (11) Zu der Zeit wird große Klage sein in Jerusalem, wie die um Hadad-Rimmon in der Ebene von Megiddo war. Auch sehr interessant ist Psalm 22, 17: Denn Hunde haben mich umgeben, und der Bösen Rotte hat mich umringt; sie haben meine Hände und Füße durchbohrt. Der zweite Teilsatz wird gerne nach der Hebraica übersetzt: meine Hände und Füße wie die eines Löwen. Der hebräische Text ergibt hier wenig Sinn. Der obige Text lehnt sich an die LXX an. Vielleicht liegt hier auch ein Verbum vor, das unbekannt ist. Die LXX hat wohl richtig übersetzt.
Die Übersetzung „Strafe“ in Vers 5 ist sehr verbreitet, aber es mit Vorsicht zu gebrauchen. Es gibt den strafenden Gott des AT überhaupt nicht, das ist eine falsche Vorstellung. Das hebräische AT kennt kein Wort für „Strafe“ – und vermisst nichts. Darum habe ich ungern ein hebräisches Wort mit „Strafe“ übersetzt, aber in Ermanglung eines treffenderen Ausdrucks habe ich mich dieser häufigen Übersetzung angeschlossen. Man darf nicht vergessen, dass das hebräische Wort an vielen Stellen eine liebende Zurechtweisung ausdrückt, wie sie der Vater dem Sohn entgegenbringt, z. B. Spr. 3, 11, wo es von Luther mit „Zucht“ übersetzt wird. „Strafe“ ist als Übersetzung nur dann treffend, wenn ein unbarmherziges Gericht wegen Schuld beschrieben wird, das körperliches Leid hervorruft. Das ist neben dieser Jesaja-Stelle in Jer. 30, 14 der Fall, wo Luther „Züchtigung“ übersetzt.
„Damit wir bei allem genug haben“ soll ein Wort umschreiben, das bei Luther übersetzt ist mit: „auf dass wir Frieden hätten“. „Friede“ ist zwar eine ziemlich bekannte Übertragung für das hebräische „Schalom“, aber es trifft nur dann zu, wenn vorher Krieg herrschte. Mit dem Teufel war sicherlich „Krieg“, aber das Wort in seiner Breite steht für Wohlergehen, Gedeihen, Glück. „Bei allem genug haben“ soll diesen Zustand umschreiben, weil der Ausgleich in vielen Bereichen hergestellt wird. In diesen Zusammenhang passt auch das Bild vom guten Hirten aus Joh. 10,10: Ich (=Jesus) bin gekommen, damit sie das Leben und volle Genüge haben sollen. Das griechische Wort für Leben ist hier zoe, das häufig im Johannes-Evangelium in der Wendung „ewiges Leben“ erscheint.